Willi Brase
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Pressespiegel

11 | 06 | 2010

SPD-Berufsbildungssprecher Brase: Branchenfonds sollen Facharbeitsmärkte stabilisieren

Willi Brase ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Sprecher der SPD-Fraktion in Sachen beruflicher Bildung. Erst kürzlich hat er im Rahmen der Debatte um den Berufsbildungsbericht 2010 im Bundestag die Positionen der stärksten Oppositionspartei markiert. WAP sprach mit Willi Brase über seine Vorstellungen. Wichtigstes Reformprojekt für den MdB aus dem Siegerland sind die Branchenfonds - da gehen aber noch nicht alle SPD-Parlamentarierer mit auf diesem Weg.

www.igmetall-wap.de, Klaus Heimann

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    Frage: Wie sehen Sie die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt? Sind die Probleme in 2010 gelöst?

    Wenn wir es damit ernst meinen, dass wir für die Zukunft alle brauchen und alle mitnehmen wollen, dann müssen wir endlich den Dschungel der Übergangsmaßnahmen, in dem fast 500 000 Jugendlichen stecken, lichten. Die Bundesregierung hat auf Anfrage mitgeteilt, dass es allein auf Bundes- und Landesebene fast 200 Programme gibt, die sich nur mit dem Übergang von der Schule in den Beruf befassen. Zu den Maßnahmen vor Ort konnte sie aufgrund der Vielzahl keine Angaben machen!

    Die Vielzahl der Projekte muss auf wenige, vernünftige Maßnahmen begrenzt werden. Wir haben nach wie vor einen hohen Anteil Altbewerberinnen und Altbewerber, die meist recht unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und trotzdem ihren Wunsch nach einem Ausbildungsplatz aufrecht erhalten. Wenn man das alles zusammenrechnet wird eines deutlich: Es fehlt doch an Ausbildungsplätzen. Ehrlichkeit in der Statistik ist dabei nichts Verkehrtes.

    Es gibt zwar erste Versuche, die statistische Erfassung zu verbessern, aber das reicht nicht. Nichts ist schlimmer, als wenn wir uns etwas vormachen und sagen: Wir haben auf einmal mehr Ausbildungsplätze als Bewerber, wenn gleichzeitig noch hunderttausende Altbewerber unterzubringen sind. Wir sagen als SPD: Wir brauchen zusätzliche Ausbildungsplätze für 210 000 junge Menschen.

    Frage: Sie haben im Bundestag gesagt: Ganz wichtig sei es, dass die Erarbeitung und Neuordnung der Ausbildungsberufe im dualen System vorrangig im Konsens der Sozialpartner passiere. Und dann sagen Sie: Da ist noch ein bisschen nachzuarbeiten. Was meinen Sie damit?

    Das Konsensprinzip gewährleistet bei der Erarbeitung neuer Ausbildungsordnungen die umfassende Nutzung der Expertise aller Beteiligten - die Arbeitsmarkt- und Praxisnähe der beruflichen Ausbildung und die Akzeptanz neuer Ausbildungsordnungen in den Unternehmen. Für den Fall, dass sich die Sozialpartner bei der Erarbeitung von Ausbildungsordnungen nicht  einigen können, sollten wir eine Schlichtungskommission einrichten.

    Frage: Bei der Berufsorientierung befürchten Sie Wildwuchs. Warum?

    Wir haben den Eindruck, dass sich im Bereich Berufsorientierung mittlerweile eine Vielfältigkeit etabliert hat, die ähnlich unübersichtlich wie der Maßnahmendschungel in der Berufsvorbereitung ist. Es gibt zig Initiativen vor Ort, die teilweise planlos nebeneinander her laufen. Das geht von den Kindergärten bis zu den Schulen: Niemand hat mehr einen Überblick. Hier bedarf es u. a. auch vor dem Hintergrund der klammen Kommunalfinanzen einer klaren Strukturierung für alle Beteiligten.

    Frage: Sie haben im Bundestag angekündigt, Branchenfonds zum Thema zu machen. Ändert die SPD jetzt ihren Kurs?

    Es bleibt festzuhalten: Wir brauchen nach wie vor ausreichend viele Ausbildungsplätze in der Wirtschaft. Der Anteil der Unternehmen, die ausbildungsfähig sind, aber nicht ausbilden, ist immer noch viel zu hoch. Von dieser Regierung haben wir bisher wenig gesehen, wie sie das Ausbildungsengagement der Unternehmen steigern will - das ist, wenn ich das richtig mitbekommen habe, auch beim Ausbildungspakt kein Thema. Meiner Meinung nach macht es Sinn, analog zu dem, was wir im Bauhauptgewerbe haben, einen Branchenfonds aufzulegen.

    Damit kommen wir dann nicht nur quantitativ voran, sondern haben auch ein Instrument, das langfristig dazu beiträgt, die Facharbeitsmärkte zu stabilisieren und im Zuge von Aus- und Weiterbildung entsprechende Unterstützungsmaßnahmen auf den Weg bringt. Wir haben das Instrument in absehbarer Zeit auf der Tagesordnung und werden es im Parlament zum Thema machen.

    Frage: Brauchen wir öffentliche Programme für die Ausbildung?

    Wir brauchen die öffentliche Hand. Wer sich die Zahlen anschaut, kann das nicht leugnen. Wir sind dafür, dass die 40 000 Plätze aus dem BA-Programm weiter zur Verfügung gestellt werden, immer vor dem Hintergrund einer ehrlichen Bilanzierung der Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Wir sind auch dafür, dass das auslaufende Ausbildungsprogramm Ost in ein Programm für strukturschwache Regionen umgewandelt wird. Dann geht es nämlich nicht mehr nach der Himmelsrichtung, sondern danach, wo Bedarfe sind.

    Frage: Sie wollen die vollzeitschulische Ausbildung weiterhin nutzen. Ist das nicht ein Irrweg? Folgende Lage: Berufsfachschulen bieten Ausbildung an und entlasten damit Betriebe komplett von ihrer Ausbildungsverantwortung, die Kosten werden dem Staat aufgebürdet, Betrieben sparen sich die Investitionen in Ausbildung. Ein Beispiel wie so was läuft: In Nürnberg gibt es eine ausgebaute außerbetriebliche kaufmännische Ausbildung. Folge: Die Betriebe fahren ihre eigene Ausbildung in diesem Feld massiv zurück. Die Schüler machen auch noch Praktika in den Betrieben, natürlich unbezahlt, und liefern damit Probearbeiten ab. Der Betrieb braucht dann nur noch auswählen.

    Ich unterstreiche noch einmal: Wir wollen alle Jugendlichen mitnehmen und das geht ohne öffentliche Unterstützung nicht. Viele Unternehmen sind nicht bereit 20- und 21jährige aufgrund ihres Alters in Ausbildung zu übernehmen. Die dürfen nicht im Regen stehen lassen. Außerdem haben wir eine lange Tradition vollzeitschulischer Ausbildung nach Landesrecht. Wenn hier Übergänge in Richtung Ausbildung nach BBIG möglich sind, sollten wir sie in diesem Sinne nutzen.

    Frage: Wie geht es weiter mit der Berufsbildung?

    Die Bildungsrepublik Deutschland ist ausgerufen worden. Wunderbar. Die Bildungsrepublik Deutschland beinhaltet aber nicht nur die Allgemeinbildung und die Hochschulbildung, sondern auch die duale Ausbildung. Die duale Ausbildung ist ein Flaggschiff. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Flaggschiff immer auf Kurs bleibt.

    Fragen, Anregungen, Kritik?
    Sprechen Sie mich an!

Willi Brase

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