Pressespiegel
08 | 06 | 2010
Nach 60 Jahren aus Landtag 'raus
1950 war Hermann Schmidt der erste Sozialdemokrat aus dem Siegerland in Düsseldorf - Bitter für heimische SPD
Westfälische Rundschau, Westfalenpost

- (links) SPD-Chef Willi Brase im Gespräch mit Hans-Dieter Moritz. (rechts:) Die SPD-Abgeordneten wie Loke Mernizka holten viel Prominenz ins Siegerland. Ex-Bundespräsident Johannes Rau war häufig zu Gast. Fotos: hgs
Beide Kandidaten in den heimischen Wahlkreisen unterlagen vor einem Monat mehr oder weniger knapp ihren CDU-Konkurrenten. Sie waren nicht hinreichend oder gar nicht auf der Reserveliste abgesichert. Weder für Tanja Wagener im Wahlkreis 126 noch für Falk Heinrichs im Nachbarwahlkreis 127 hat es bekanntlich gereicht.
Die letzte SPD-Abgeordnete, Helga Schwarz-Schumann aus Siegen, gewann 2000 den 126er Wahlkreis für die SPD noch direkt und schaffte 2005 über Platz 40 der Reserveliste den Wiedereinzug. Jetzt trat sie nicht mehr an. Damit wurde ungewollt eine fast 60 Jahre andauernde Kontinuität beendet, die nur zwischen 1961 und 1962 unterbrochen war.
Nicht einmal mehr im Nachbarkreis Olpe ist ein SPD-Abgeordneter vorhanden, der Siegerland und Wittgensteiner Interessen mitvertreten könnte. Der Wendener Reinhard Jung, der als „Hoeschianer" dem Siegerland verbunden ist, schaffte es kein zweites Mal über die Reserveliste. Der „nächste" Parlamentarier mit SPD-Parteibuch ist Michael Scheffler aus dem Wahlkreis 121 Märkischer Kreis 1, also aus dem Raum Iserlohn.
Siegerland und Wittgenstein befinden sich fest in CDU-Hand: Der Wahlkreis 126 wird von dem Geisweider Anwalt Jens Kamieth vertreten. Für das Umland im Wahlkreis 127 zwischen Kreuztal, Burbach und Bad Berleburg ist die aus dem 90 Kilometer entfernten Meschede stammende Monika Brunert-Jetter zuständig. Darüber hinaus kümmern sich der grüne Abgeordnete Johannes Remmel (Siegen) und die Lüdenscheider FDP-
Abgeordnete Angela Freimuth um die südlichste Region des Landes. So war es in der vergangenen Wahlperiode.
„Platz 17 für Tanja Wagener hat nicht gezogen. Und Falk Heinrichs haben etwas über tausend Stimmen gefehlt", bilanziert der SPD-Unterbezirksvorsitzende Willi Brase (MdB). „Nun müssen wir schauen, dass wir trotzdem noch eine vernünftige landes-
»Ohne die SPD wäre die heutige Uni nach Gummersbach gekommen.«
politische Betreuung hinbekommen, so wie es in der vergangenen Periode für den Märkischen Kreis geschah." Wenn die SPD an der Regierung beteiligt werden sollte, würde Brase über den als Arbeitsminister vorgesehenen DGB-Bezirksvorsitzenden Guntram Schneider auch die gewerkschaftliche Schiene nutzen wollen.
Erster Sozialdemokrat im Landtag war ab 1950 Hermann Schmidt aus Würgendorf, seit der Neugliederung ein Ortsteil der heutigen Gemeinde Burbach. Elf Jahre gehörte der über Reserveliste abgesicherte Politiker dem Landesparlament an, bevor er, in den Bundestag wechselte.
In der 4. Wahlperiode des Landtags ab 1962 gelang es dem Weidenauer Hans-Georg Vitt, für die SPD in den Landtag nachzurücken. Direkt gewählt wurde er danach vier Mal: zunächst im Wahlkreis 129 Siegen-Ost, dann zwei Mal für 132 Siegen-Land II und schließlich im Wahlkreis 131 Siegen I. Gleichzeitig gelang es dem Siegener Beigeordneten Hans Reinhardt, für die SPD - ebenfalls im Juli 1962 - den Wahlkreis 128 Siegen-Stadt und Land-West zu holen. In den beiden Folgewahlperioden war er direkt gewählter Abgeordneter für 131 Siegen-Land I bis einschließlich 1975.
Vitt und Reinhardt begründeten auf Jahrzehnte die Dominanz der SPD, die Loke Mernizka (1980 bis 2000), Hilmar Selle aus Kreuztal (1976 bis 1985) und Hans-Dieter Moritz aus Neunkirchen (1985 bis 2005) fortsetzten. Mernizka gehörte dem Fraktionsvorstand an und Moritz gar dem Landtagspräsidium.
Moritz heute: „Ich bedaure diese Entwicklung außerordentlich. Denn für die Region ist es auch wichtig, dass ihre Interessen von einem Sozialdemokraten vertreten werden. Das ist mir mit Loke Mernizka gelungen. Aber es ist die demokratische Entscheidung der Wahlbürger gewesen."
Sein ehemaliger Fraktionskollege Loke Mernizka findet es gar „eine traurige Angelegenheit und nicht gut für die Region. Mit unserem gewerkschaftlichen Hintergrund konnten wir Sozialdemokraten viel für das Siegerland anstoßen. So haben wir uns für die Erhaltung von Arbeitsplätzen eingesetzt und Förderprogramme für die Region genutzt. Wenn Hans Georg Vitt nicht für die Grundstücke gesorgt hätte, wäre die heutige Uni nach Gummersbach gekommen."
INFO
Siegerland bis 1962 fest in CDU-Hand
> Siegerland und Wittgenstein waren bis 1962 bereits Domänen der CDU: Otto Rippel wurde am 19. Dezember 1946 als erster Abgeordneter für das Siegerland ernannt.
> Bei der ersten Direktwahl im April 1947 errang der Hilchenbacher CDU-Politiker Josef Büttner ein Mandat. Bis 1962 holte er vier Mal in Folge den Wahlkreis 129. Zwischen 1950 und 1958 vertrat Dr. Walter Seelbach, ebenfalls CDU, das Siegerland. Ihm folgte Ernst Bach " bis 1965. Daneben gab es einige CDU-Politikerinnen und Politiker, die über die Reserveliste ihrer Partei in das Düsseldorfer Parlament einzogen: Edith Langner (1966 bis 1975) und Gudrun Reinhardt (1990 bis 2000), Georg Wilhelm Mietz aus Netphen (direkt 1975,1983 bis 1990 über Liste), Hans Hoof aus Freudenberg (1980 bis 1990). Volkmar Klein rückte 1995 in den Landtag ein und blieb bis 2009 Mandatsträger in NRW. Der FDP-Abgeordnete Hagen Tschoeltsch (1985 bis 1995) kam durch den sicheren Listenplatz 4 zwei Mal in den Landtag.
> Der Wittgensteiner Teil des Kreises wurde ab 1975 von Sauerländer CDU-Politikern vertreten: zunächst von Karl Knipschild, ab 1995 von Monika Brunert-Jetter.
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