Pressemitteilung:
Katastrophale Arbeitsbedingungen spielen beim Tierschutzskandal in den Schlachthöfen kaum eine Rolle
Vor dem Hintergrund der Antwort auf die Kleine Anfrage an die Bundesregierung hinsichtlich des Tierschutzes bei der Tötung von Schlachttieren erklärt der SPD-Bundestagsabgeordnete und zuständige Sprecher der Arbeitsgruppe Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Willi Brase:
„Die Antwort der Bundesregierung zum Tierschutz bei der Tötung von Schlachttieren hat medial eine große Welle geschlagen. In zahlreichen Fällen kommt es zum Schlachten ohne richtige Betäubung – ein Armutszeugnis hinsichtlich des Umgangs mit Tieren.
In der folgenden Diskussion wurden aber einer der wichtigsten Ursachen für die Situation an deutschen Schlachthöfen, wenn überhaupt nur am Rande erwähnt. Und das sind die Arbeitsbedingungen, die weit jenseits der Grenzen des Anstandes sind. Meist mittel- und osteuropäische Arbeitnehmer - vorwiegend aus Polen, Bulgarien und Rumänien - schuften teilweise für unter fünf Euro die Stunde. Zehntausende von Arbeitsplätzen wurden in Deutschland vernichtet, weil diese Tätigkeiten durch so genannte Werkverträge an Sub- bzw. Sub-Subunternehmen ausgelagert werden. Die Arbeiter werden dabei meist als Selbständige bezeichnet, so dass weder Sozialbeiträge noch Einkommenssteuer fällig werden. Man muss sich das einmal vorstellen: Nach Schätzungen arbeiten an den Schlachthöfen der vier Großkonzerne Tönnies, Vion, Westfleisch und Danish Crown teilweise nur noch zehn Prozent inländische Arbeitnehmer.
Die Arbeiter werden nach Stückzahlen entlohnt. Wenn sie das vom Subunternehmer vorgegebene Schlachtpensum nicht schaffen, werden sie umgehend nach Hause geschickt und durch einen Landsmann ersetzt. Durch dieses Akkordschlachten bleibt folglich keine Zeit mehr für fachgerechtes Töten. In diesem Skandal leiden also nicht nur die Tiere aufgrund von Defiziten bei der Betäubung, sondern auch die Menschen unter skandalösen Arbeitsbedingungen.
Aufgrund der folglich niedrigen Arbeitskosten hat sich der bekannte Schlachttourismus Richtung Deutschland entwickelt. Das führt in anderen europäischen Ländern wie Dänemark, Frankreich, Belgien und den Niederlanden zur Vernichtung von tausenden von Arbeitsplätzen. Nirgendwo in Europa sind Schlachtungen so kostengünstig wie in Deutschland.
Wenn sie wollte, könnte die Bundesregierung hier umgehend handelt. Aber die Erkenntnis, dass in der Konsequenz ein Mindestlohn von 8,50 Euro einen Großteil des Problems lösen würde, hat die Bundesregierung nicht. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat berechnet, dass bei der Zahlung des Mindestlohnes sich das Fleisch im fünf Cent pro Kilo verteuern würde. Das ist meines Erachtens ein tragbarer Betrag für jeden Konsumenten im Sinne eines vernünftigen Tierschutzes und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.“
